Computerspiel-Abhängigkeit

Als Gamer*innen verbringen wir viel Zeit online mit unseren Spielen. Ab wann wird das digitale Spielen zum Problem? Was ist eigentlich Computerspielabhängigkeit und welche Erkenntnisse bietet uns die Wissenschaft? In diesem Artikel soll auf Basis von Studien über das Phänomen „Computerspielsucht“ berichtet und aufgeklärt werden.

Artikel von Maximilian Anibas | 05.07.2019

   Was ist „Computerspiel-Abhängigkeit“?

Täglich mehrere Stunden zu spielen bedeutet noch lange nicht abhängig zu sein. Obwohl exzessives Gaming schon seit 1983 beobachtet und untersucht wird, ist die „Gaming Disorder“ erst seit 2018 eine anerkannte Diagnose der „World Health Organisation“ (WHO).

Laut der „WHO“ muss ein Gamer folgende Kriterien über mindestens 1 Jahr erfüllen um als Computerspielabhängig zu gelten:

1. Verlust der Kontrolle über die Spieldauer und das Spielverhalten

z.B.: Wenn man nicht aufhören kann zu spielen; spielen obwohl man eigentlich keine Zeit dafür hat; bis spät in die Nacht spielen obwohl man am nächsten Tag früh aufstehen muss

2. Andere Hobbies und Aktivitäten rücken für Gaming in den Hintergrund

z.B.: Aufhören im Fußballverein zu spielen weil Gaming gemütlicher ist; Gaming ist die einzige Freizeitaktivität die betrieben wird

3. Fortsetzung des Gaming-Verhaltens obwohl es bereits negative Konsequenzen hat

z.B.: Keine Reduktion des Spielens obwohl man einen starken Leistungsabfall in der Schule oder der Arbeit hat; keine Änderung im Verhalten obwohl die Beziehungen zu anderen Menschen darunter leidet

Außerdem gibt es noch weitere Anzeichen die auf eine Abhängigkeit hindeuten. Dazu zählt zum Beispiel:
  • Wenn man geheim spielt oder lügt wenn man gefragt wird wie lange man gespielt hat 
  • Wenn man auch während anderer Aktivitäten dauernd an das Spielen denkt
  • Wenn man Gaming als Realitätsflucht benutzt
  • Wenn man gereizt und schlecht gelaunt ist sofern man nicht spielen kann
  • Wenn man das Essen oder die Körperpflege stark vernachlässigt um spielen zu können

Wie macht uns das Spielen abhängig?

 

Computerspiele können uns über verschiedene Mechanismen in eine Abhängigkeit führen.

Dopamin, ein wichtiger Botenstoff in unserem Gehirn, wird bei jeder Tätigkeit ausgeschüttet, die uns Spaß macht oder Freude bereitet. Er ist ein wichtiger Bestandteil unserer Motivation, seine Ausschüttung macht uns glücklich, konzentriert und wir fühlen uns durch ihn energiegeladen. Im Alltag arbeiten wir oft lange um unser Belohnungssystem im Gehirn zu aktivieren (z.B.: Lernen für gute Noten; Abschluss eines Projekts), wir streben allerdings unterbewusst stets danach Dopamin in unserem Gehirn freizusetzen. Durch Spiele können wir in kurzen Abständen hohe Mengen an Dopamin ausschütten, zum Beispiel wenn wir einen seltenen Gegenstand finden, Lootboxen öffnen, einen Endgegner besiegen oder Belohnungen anderer Art erhalten.

Die regelmäßige Dopaminausschüttung durch Spiele kann dazu führen, dass wir uns an hohe Dopaminlevel im Gehirn gewöhnen und immer öfter nach einer stärkeren Ausschüttung suchen. Über diesen Weg können wir die Anstrengungen des Alltags überbrücken und uns schneller, in größerer Menge Dopamin beschaffen. Über diesen Mechanismus kann unser Gehirnstoffwechseln unser Gaming- Verhalten beeinflussen. Bei anderen Suchterkrankungen (z.B.: Kokain-, Porno- und Glücksspielsucht) spielt Dopamin ebenfalls eine zentrale Rolle.

Die sozialen Aspekte des online Gamings (tägliches Reden mit online Freund*innen/ Teamkolleg*innen/ Gildenmitgliedern) können auch bei der Entwicklung einer Abhängigkeit mitwirken. Spieler*innen, die ingame massenhaft Erfolge angehäuft haben, viel Zeit in das Spiel gesteckt haben und online sozialen Verpflichtungen (Rekrutierung neuer Spieler*innen, Raidleiter*innen, Teamchef etc.) nachkommen, leiden öfters an einer Computerspielabhängigkeit als Spieler*innen, die online kein Sozialleben aufgebaut haben. 

Besonders MMORPGs (z.B.: World of Warcraft) unterstützen nachweislich die Entwicklung einer Computerspielabhängigkeit, weil sie die sozialen Aspekte des Spielens mit häufigen Dopaminausschüttungen verbinden.

Die Spieleindustrie nutzt die Mechanismen der Abhängigkeitsentwicklung aus um uns geschickt an ihre Games zu binden, ohne das wir es bewusst wahrnehmen. So werden zunehmend Spielelemente eingefügt, die es uns erschweren die Spiele zu verlassen (Lootboxen; tägliche/ wöchentliche Quests; Belohnungen für kooperatives Spielen). 

Warum Computerspielabhängigkeit gefährlich ist

Menschen, die an einer Gaming- Abhängigkeit leiden, sind weitaus öfters von folgenden biologischen-, psychischen- und sozialen Belastungen betroffen als andere Personen:

  • geringe Selbstwirksamkeitserwartung („ich kann das nicht“/ „ich werde das nicht schaffen“)
  • Ängstlichkeit
  • geringes Selbstwertgefühl („ich bin ein Versager“)
  • Impulsivität („ ich kann meine Gefühle und Handlungen nicht kontrollieren“)
  • Schüchternheit („ ich weiß nicht wie ich auf andere Menschen reagieren soll“)
  • Depression (Energielosigkeit, Traurigkeit, Emotionslosigkeit)
  • soziale Isolation
  • Schlafentzug
  • reduzierte Leistung in Schule/ Arbeit/ Ausbildung
  • Lebensunzufriedenheit
  • Konzentartionsprobleme
  • ungesunde Ernährung

 

Diese Belastungen führen leicht dazu, dass Betroffene sich immer mehr von anderen Menschen zurück ziehen und es im Laufe der Zeit immer schwieriger wird Hilfe zu erhalten und aus dem Muster auszubrechen. Folgen wie depressive Zustände und soziale Isolation bestärken das Abhängigkeitsverhalten und ermöglichen ein weiteres Abrutschen in die digitale Welt.

Wie häufig tritt
Computerspielsucht auf?

Selten. Je nach Herkunft und Herangehensweise der Studien sind die Zahlen allerdings stark schwankend, unter anderem auch weil die Computerspielabhängigkeit international erst kürzlich als Krankheit anerkannt wurde. Nach den oben genannten Kriterien und aktuellen Zahlen kann man davon ausgehen, dass ungefähr 1% der Bevölkerung in Europa an einer Computerspielabhängigkeit leidet. In einigen Ländern wie zum Beispiel Südkorea, China, Japan und Taiwan ist die Computerspielabhängigkeit, unter anderem auch durch die größere Anzahl an Spieler*innen und einer höheren sozialen Akzeptanz des Computerspielens, weiter verbreitet als in Europa.

Keine leichte Abhilfe

Studien zeigen, dass mehr als 80% aller unbehandelten Abhängigen nach zwei Jahren noch immer an ihrer Sucht leiden. Die Anzahl der Betroffenen, die Hilfe in Anspruch nehmen, ist offensichtlich gering und das Angebot an Therapiemöglichkeiten nicht ausreichend. Für Computerspielabhängige ist derzeit ein hohes Maß an Selbstständigkeit und aktives Bemühen notwendig um eine passende Hilfe oder Behandlung zu erhalten.

Therapiemöglichkeiten

 

Computerspielabhängigkeit wird behandelt wie viele andere Suchterkrankungen auch. Die meisten Expert*innen empfehlen als beste Therapiemöglichkeit eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der Patient*innen lernen ihre Gedanken, Gefühle und zuletzt auch ihr Verhalten zu beeinflussen und Situation die exzessives Gaming auslösen würden mit anderen Mitteln zu bewältigen. Zum weiteren Angebot stehen diverse Psychotherapieformen, 12- Schritt- Programme, Wildnistherapie, mobile- oder stationäre Therapieformen und auch Medikamente können zusätzlich eingesetzt werden.

 

Wenn du denkst, dass du an einer Computerspiel-Abhängigkeit leidest,

solltest du dir einen Termin bei einem/r Psychiater*in (beziehungsweise Kinder- und Jugendpsychiater/in) organisieren. Der/ Die Facharzt/ärztin wird dir helfen eine optimale Behandlung zu erhalten.

Außerdem können folgende Links helfen eine Therapie in Spezialeinrichtungen zu finden:
https://www.gesundheit.gv.at/service/beratungsstellen/internet-sucht
https://api.or.at/Klinikum/Abhangigkeit/Internet-und-Computersucht.aspx

 

Wie kann ich mich schützen?

 

Zum Abschluss wollen wir noch nützliche Tipps geben wie du vermeiden kannst eine Computerspielabhängigkeit zu entwickeln:

 

  • Pflege deine „real life“ Freundschaften
  • Setze dich mit deinen Alltagsproblemen auseinander, flüchte nicht in die digitale Welt
  • Setze dir ein Zeitlimit wie lange du spielen möchtest und höre danach auf
  • Achte darauf, dass du dich täglich mindestens eine Stunde sportlich betätigst
  • Wenn dich ein Spiel zu sehr in Anspruch nimmt und du dich die ganze Zeit damit beschäftigst solltest du mehrere Tage Pause machen
  • Mache Pausen, lass keine Mahlzeiten aus
  • Schlaf ist wichtig, spiele bis maximal eine Stunde bevor du schlafen gehst und schlafe ausreichend
  • Computerspiele sollten nicht deine einzige Freizeitbeschäftigung sein
  • Denke aktiv über deine Spielgewohnheiten nach- hast du die Kontrolle?

 

Wenn du dich angesprochen fühlst nutze die Gelegenheit um über dein eigenes Spielverhalten nachzudenken. Jeder Mensch kann in eine Abhängigkeit geraten. Der erste Schritt, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und diese in Anspruch zu nehmen, ist gleichzeitig auch der schwierigste.

Links und Quellenverweise

Hier findet hier eine Auflistung der verwendeten Quellen:

 

  • Yalcin, A. (2016). Digital Game Addiction Among Adolescents and Young Adults:  A Current Overview. Turkish Journal of Psychiatry 2016

     

  • Männikkö, N. (2015). Problematic digital gaming behavior and its relation to the psychological, social and physical health of Finnish adolescents and young adults Journal of Behavioral Addictions 4(4), pp. 281–288 (2015)

     

  • Hilgard J, (2013). Individual differences in motives, preferences, and pathology in video games: the gaming attitudes, motives, and experiences scale (GAMES).frontiers in PSYCHOLOGY, 09/2013 Volume 4, Article 608

     

  • Gentile, D. (2009). Pathological Video- Game Use Among Youth Ages 8 to 18. Psychological Science, 2009, Volume 20- Number 5

     

  • Brunborg, S. (2015). Core and Peripheral Criteria of Video Game Addiction in the Game Addiction Scale for Adolescents. Cyperpsychology, Behavior, and social networking. Volume 18, Number 5, 2015.

     

  • Kuss, D. (2013). Internet gaming addiction: current perspectives. Psychology Research and Behavior Managment. 2013:6 125-137

     

  • Pathological Video Game Use Among Youths: A Two- Year Longitudinal Study. Gentile, D. (2011). Pathological Video Game Use Among Youths: A Two- Year Longitudinal Study. Pediatrics Volume 127, Number 2, 02/2011

Rückmeldungen und Feedback per Mail an:
maximilian.anibas@gamers-health.com

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